wsd:selbststaendiges_leben:theorien:selbstbestimmung
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| wsd:selbststaendiges_leben:theorien:selbstbestimmung [2025/05/15 09:16] – [Selbstbestimmung und Selbstständigkeit] rauner | wsd:selbststaendiges_leben:theorien:selbstbestimmung [2026/01/20 08:38] (current) – gromer-admin | ||
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| - | ===== Selbstbestimmung und Selbstständigkeit | + | ===== Causal Agency-Theorie |
| - | **Zitiervorschlag**: | + | **Zitiervorschlag**: |
| Die „Causal Agency-Theorie“ (Theorie kausaler Handlungsfähigkeit) versucht zu erklären, wie sich Selbstbestimmung entwickelt und wie Menschen selbstbestimmt handeln lernen. Selbstbestimmung wird als entwickelbare Kompetenz verstanden, nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal. | Die „Causal Agency-Theorie“ (Theorie kausaler Handlungsfähigkeit) versucht zu erklären, wie sich Selbstbestimmung entwickelt und wie Menschen selbstbestimmt handeln lernen. Selbstbestimmung wird als entwickelbare Kompetenz verstanden, nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal. | ||
| - | Selbstbestimmung als eine wichtige Leitidee der Sonderpädagogik ist unbestritten. Dennoch darf sie, auch wenn sie als fundamentales Merkmal menschlicher Wirklichkeit gilt, nicht absolut gesetzt werden. Das „Verwiesen Sein des Menschen auf den Anderen, d.h. auf soziale Bezüge“ stellt ein weiteres, zweites Grundmerkmal dar (vgl. Weiß 2000, 137). | ||
| - | Selbstbestimmung wird als ein sich über die gesamte Lebenspanne hinweg weiterentwickelnder Prozess verstanden, der immer in einem Spannungsfeld mit Fremdbestimmung und bestehenden Abhängigkeiten steht. Daher bedeutet Selbstbestimmung in der Causal Agency-Theorie nicht, möglichst unabhängig und selbstständig zu handeln oder absolute Kontrolle über den gesamten Prozess zu haben. Selbstbestimmte Menschen im Sinne der Causal Agency-Theorie haben die Möglichkeit eine Vision für die eigene persönliche Zukunft zu entwickeln und können die eigenen Fähigkeiten sowie die Ressourcen ihrer Umwelt nutzen, um Kontexte zu verändern und bestehende Barrieren abzubauen, um die angestrebten Ziele zu erreichen (vgl. Shogren/ Raley 2025, 35ff.) | + | Kausale Handlungsfähigkeit (Causal Agency) bezeichnet die Fähigkeit und das Bewusstsein eines Menschen, eigene Ziele zu setzen, Entscheidungen zu treffen und durch eigenes sowie kooperatives Handeln Veränderungen in der eigenen Lebenssituation herbeizuführen. Kausale Handlungsfähigkeit beschreibt die Möglichkeit, |
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| + | Selbstbestimmung wird als ein sich über die gesamte Lebenspanne hinweg weiterentwickelnder Prozess verstanden, der immer in einem Spannungsfeld mit Fremdbestimmung und bestehenden Abhängigkeiten steht. Daher bedeutet Selbstbestimmung in der Causal Agency-Theorie nicht, möglichst unabhängig und selbstständig zu handeln oder absolute Kontrolle über den gesamten Prozess zu haben. Selbstbestimmte Menschen im Sinne der Causal Agency-Theorie haben die Möglichkeit eine Vision für die eigene persönliche Zukunft zu entwickeln und können die eigenen Fähigkeiten sowie die Ressourcen ihrer Umwelt nutzen, um Kontexte zu verändern und bestehende Barrieren abzubauen, um die angestrebten Ziele zu erreichen (vgl. Shogren/ Raley 2025, 35ff.). | ||
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| + | **Zitiervorschlag: | ||
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| + | === 1. Psychologische Grundbedürfnisse | ||
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| + | Die der Causal Agency-Theorie zu Grunde gelegten psychologischen Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenz und Soziale Eingebundenheit beziehen sich auf die von RYAN & DECI (2008, 2017) entwickelte Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT). | ||
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| + | //Autonomie (Autonomy):// | ||
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| + | //Kompetenz (Competence):// | ||
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| + | //Soziale Eingebundenheit (Relatedness):// | ||
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| + | Diese drei Grundbedürfnisse sind empirisch gesichert und haben kulturübergreifende Gültigkeit. Werden sie erfüllt, steigt die intrinsische bzw. autonome Motivation, das eigene Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft. Bleiben sie dauerhaft unberücksichtigt, | ||
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| + | //Autonome Motivation// | ||
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| + | Konkret bedeutet dies: | ||
| + | * Die Motivation ist intrinsisch. | ||
| + | * Die Person erlebt sich als Verursacher (Agent) ihres Handelns. | ||
| + | * Entscheidungen, | ||
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| + | === 2. Selbstbestimmtes Handeln | ||
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| + | Selbstbestimmtes Handeln ist ein zentrales Element der Causal Agency-Theorie. Es entsteht, wenn Menschen sich als „Verursacher“ (causal agents) ihres eigenen Handelns erleben und sich als aktive Gestalter ihres Lebens erfahren, nicht als passive Empfänger äußerer Umstände. Es werden drei Aspekte selbstbestimmten Handeln unterschieden (vgl. Shogren/ Raley 2025, 45ff./ Wehmeyer 2022, 56f.): | ||
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| + | Beispielhafte Fähigkeiten und Fertigkeiten für das willentliche Handeln sind: | ||
| + | * Fähigkeiten zur Auswahlentscheidung | ||
| + | * Zielsetzungsfähigkeiten | ||
| + | * Problemlösungsfähigkeiten | ||
| + | * Planungsfähigkeiten | ||
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| + | Beispielhafte Fähigkeiten und Fertigkeiten für selbstreguliertes und selbstgesteuertes Handeln sind: | ||
| + | * Initiative | ||
| + | * Selbstregulations-/ | ||
| + | * Zielerreichungsfähigkeiten | ||
| + | * Problemlösungsfähigkeiten | ||
| + | * Selbstvertretungsfähigkeiten | ||
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| + | Beispielhafte Fähigkeiten und Fertigkeiten für Handlungssteuernde Überzeugungen sind: | ||
| + | * Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung | ||
| + | * Selbstkenntnis | ||
| + | * Selbstwirksamkeitserwartung | ||
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| + | === 3. Kontext | ||
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| + | Die Causal Agency-Theorie betont, dass kausale Handlungsfähigkeit (causal agency) nicht nur von inneren Faktoren wie Motivation oder individuellen Fähigkeiten abhängt, sondern in besonders hohem Maße davon, ob der Kontext Zugänge und Gelegenheiten zur Selbstbestimmung bereitstellt und diese förderlich unterstützt. Der Kontext umfasst die sozialen, kulturellen, | ||
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| + | Der Kontext dient hierbei auch als Lernumfeld, in dem Menschen Erfahrungen mit Zielsetzung, | ||
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| - | ===== Literatur ===== | + | ==== Bedeutung der Causal Agency-Theorie für die sonderpädagogische Praxis |
| - | Lamers,W./ Musenberg, O./ Sansour, S. (Hrsg.) (2021). Qualitätsoffensive | + | **1. Selbstbestimmung als zentrales Bildungsziel** |
| + | * Die Causal Agency-Theorie bietet ein wissenschaftlich fundiertes Rahmenmodell, um Selbstbestimmung als entwickelbare Kompetenz zu fördern – nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal. | ||
| + | * Sie lenkt den Fokus darauf, individuelle Bildungsprozesse entlang von Entscheidungsfähigkeit, | ||
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| + | **2. Ermöglichung aktiver Partizipation** | ||
| + | * Selbstbestimmtes Handeln ist die Voraussetzung für gesellschaftliche, schulische und berufliche Partizipation. | ||
| + | * Menschen mit Behinderungen sollen aktiv beteiligt und als handelnde Subjekte anerkannt werden. | ||
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| + | **3. Handlungskompetenz statt Fürsorgehaltung** | ||
| + | * Die Causal Agency-Theorie unterstützt den Paradigmenwechsel von der Fremdbestimmung hin zur Förderung von Handlungsfähigkeit | ||
| + | * Pädagog: | ||
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| + | **4. Didaktisch-methodische Orientierung** | ||
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| + | Die Causal Agency-Theorie bietet konkrete Anhaltspunkte zur Gestaltung | ||
| + | * Wahlmöglichkeiten schaffen und Entscheidungsfähigkeit entwickeln | ||
| + | * individuelle Zielsetzung finden und begleiten | ||
| + | * selbstgesteuertes Lernen ermöglichen | ||
| + | * selbstständige und selbstbestimmte Handlungsräume erweitern trotz Assistenzbedarf | ||
| + | * Veränderung bestehender Barrieren | ||
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| + | **5. Rechtliche und inklusive Perspektive** | ||
| + | * Die Theorie steht im Einklang mit der UN-Behindertenrechtskonvention, | ||
| + | * Sie unterstreicht das Recht jedes Menschen, über das eigene Leben mitzuentscheiden – auch im schulischen Kontext. | ||
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| + | ===== Literatur ===== | ||
| - | Lindmeier, B./ Lindmeier, C. (2012). Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung. Band 1: Grundlagen. Stuttgart: Kohlhammer. | + | Ryan, R.M. & Deci, E.L. (2008). Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, |
| - | Lindmeier, B./Meyer, D.(2020). Empowerment, | + | Ryan, R.M. & Deci, E.L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. New York: The Guilford Press. |
| - | Klauß, T. (2007). Selbstbestimmung | + | Shogren, K.A. & Raley, S.K. (2025). Selbstbestimmung |
| - | Weingärtner, C. (2013). Schwer geistig behindert | + | Wehmeyer, M.L. (2022). Lebensqualität |
| - | Weiß, H. (2000). Selbstbestimmung und Empowerment. Kritische Anmerkungen zu ihrer oftmaligen Gleichsetzung im sonderpädagogischen Diskurs. In: Färber, H.P./ Lipps, W./ Seyfarth, T. (Hrsg.). Wege zum selbstbestimmten Leben trotz Behinderung. Tübingen: Attempto, 119–143. | ||
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| Layout und Gestaltung: Christian Albrecht, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg | Layout und Gestaltung: Christian Albrecht, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg | ||
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