Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:diagnostik_bewegung:gmfm

Dies ist eine alte Version des Dokuments!


< zurück zur Übersicht

Gross-Motor-Function-Measure (GMFM)

Zitiervorschlag: Gromer, B. (2026). „Gross-Motor-Function-Measure (GMFM)“. Abgerufen von URL: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:diagnostik_bewegung:gmfm, CC BY-SA 4.0

Name Gross Motor Function Measure (GMFM)
GMFM-66 (GMFM-66-IS; GMFM-66-B&C) (66 Items)
GMFM-88 (88 Items)
Autor:innen Russell, D.J./ Wright, M./ Rosenbaum, P.L./ Avery, L.M.
Aktuelle Auflage 3. Auflage, 2021 (englischsprachige Originalausgabe)
3. Auflage, 2025 (deutschsprachige Übersetzung)
Testkategorie Motoriktest / Funktionelles Assessment zur Untersuchung der Veränderungen der Körpermotorik bei Kindern und Jugendlichen mit Cerebralparese
Normiert im Altersbereich 0;5 bis 15;5 Jahre (ursprüngliche Validierungsstichprobe)
Kein strikter Alters-Cut-off; Einsatz solange motorische Entwicklung messbar bzw. relevant
Bezugsnorm: motorische Fähigkeiten eines 5-jährigen Kindes ohne motorische Beeinträchtigung (= Maximalscore)
Zielgruppe Kinder und Jugendliche mit Cerebralparese (ICP, CP), GMFCS-Level I–V.
Auch als Untersuchungsmethode für Kinder mit Down-Syndrom, erworbenen Hirnverletzungen, weiteren neurologischen Erkrankungen geeignet.
Zielfertigkeiten (lt. Manual) Grobmotorische Funktion in fünf Dimensionen:
- A: Liegen und Drehen
- B: Sitzen
- C: Krabbeln und Knien
- D: Stehen
- E: Gehen, Rennen und Springen
Testtheoretische Grundlagen Ganz allgemein basiert die GMFM auf einem funktionsorientierten Verständnis motorischer Entwicklung. Sie erfasst grobmotorische Aktivitäten entlang einer entwicklungsbezogenen Hierarchie von Bewegungsaufgaben.
Die GMFM-66 wurde zusätzlich auf Grundlage der Rasch-Messtheorie konstruiert, wodurch eine intervallskalierte Messung der grobmotorischen Fähigkeit ermöglicht wird.
Zugangsfertigkeiten - Keine formalen kognitiven oder sprachlichen Voraussetzungen.
- Das Kind muss in der Lage sein, motorische Aufgaben spontan oder nach Aufforderung/Demonstration auszuführen.
- Kooperation und Motivation des Kindes sind notwendig, Hilfsmittel zur Motivation (Spielzeug, Rollenspiel) sind erlaubt
Speed-Komponente Zeitmessung bei einzelnen Items (z.B. Item 48 „ […] kann sich freihändig 10 Sekunden halten“)
Gefährdungen der Testfairness - Kooperation und Motivation: Ergebnisse können durch Tagesform, Erschöpfung oder mangelnde Motivation beeinflusst werden
- Sprache/ Kommunikation: Aufgabenverständnis bei unzureichender Kommunikation kann eingeschränkt sein (Demonstration der Aufgaben ist erlaubt)
- Tagesform & Medikation: z.B. nach Botulinumtoxin-Injektionen, bei Schlafmangel, Schmerzen
- Testleitungseffekte: Ausbildungsstand der testenden Person beeinflusst Bewertungskonsistenz (Mehrfache Übung der Durchführung wird empfohlen)
- Schuhe/ Orthesen: GMFM-66 wird ohne Schuhe durchgeführt. Schuhe bei GMFM-88 möglich → Vergleichbarkeit beachten
- Kulturelle Faktoren: Motorische Erfahrungen (z.B. Bodenaktivitäten) können kulturell variieren
Zulässige Adaptionen (lt. Manual) - Verbale Anleitung sowie Demonstration (Vormachen) der Aufgaben ist erlaubt
- Physische Hilfestellung bei der Durchführung sind nicht erlaubt (Ausnahme z.B. Item 67/68)
- Motivationshilfen (Spielzeug, Rollenspiel) können eingesetzt werden
- Bis zu 3 Versuche pro Item; bester Versuch wird gewertet
- GMFM-88: Testung mit und ohne Schuhe/Orthesen möglich (separat dokumentieren)
- GMFM-66: nur Testung ohne Schuhe; Orthesen und Hilfsmittel bei GMFM-88 einsetzbar
- Beim GMFM-66 müssen nicht alle Items bewertet werden (GMFM-66-IS / B&C-Kurzversionen)
- Item als NT (not tested) kodierbar bei GMFM-66; Auswertungsprogramm GMAE berechnet trotzdem Schätzwert
Auswertungen Vierstufige Ordinalskala pro Item:
- 0 = initiiert das getestete Item nicht
- 1 = initiiert das getestete Item (< 10 % der Aufgabe abgeschlossen)
- 2 = schließt teilweise ab (10 bis < 100 %) oder erfüllt das Item so, wie in den Bewertungsrichtlinien definiert
- 3 = erfüllt das Item komplett so, wie in den Bewertungsrichtlinien definiert
- NT = Nicht getestet

GMFM-66
- GMAE-3 (Computersoftware) erforderlich (kostenpflichtig)
- GMFM App+ (kostenpflichtig)
- Gesamtscore (0–100, Intervallskala), SEM (Standardmessfehler), Item Map, Motorik-Wachstumskurven
- Unterteilung nach GMFCS-Level (Perzentilkurven)
- Vergleich mit altersbezogenen Wachstumskurven möglich

GMFM-88
- Auch manuell/ analog mit Scorebogen möglich
- Rohwert und Prozentwert pro Dimension
- Gesamtscore = Mittelwert der Dimensionsprozentwerte (0–100 %)
- Einzelne Dimensionen können isoliert ausgewertet werden
Normstichprobe Ursprüngliche Validierungsstudie (GMFM-85):
111 Kinder mit der Diagnose einer Cerebralparese (unterschiedlicher Art und Schweregard), 25 Kinder mit erworbenem Schädel-Hirn-Trauma, 34 motorisch unauffällige Kinder im Alter von 0;5 bis 15;5 Jahren, zwei Messzeitpunkte im Abstand von mehreren Monaten, spätere Validierung mit Kindern mit Down-Syndrom (Russell et al.,1998)
Zeitaufwand GMFM-88: ca. 45–60 Minuten
GMFM-66: ca. 30–45 Minuten (alle Items)
GMFM-66-IS (Item Set)/ B&C (Basal & Celling): deutlich reduzierter Zeitaufwand möglich (ca. 20-30 Minuten)
Umfeldstrukturierung Standardisierte Testumgebung erforderlich:
- ruhiger Raum, angemessene Temperatur, ausreichend Platz, Teppich/Matte
-Testung möglichst in vertrauter Umgebung
- kein Zeitdruck
- Begleitung durch Bezugspersonen möglich
Testmaterial - Boden mit glatter, fester Oberfläche
- 5-stufige Treppe mit Geländer
- große feste Matte
- niedrige/ hohe Bank \\- Stab (30-60cm)
- Ball (Fußball)
- größerer Gegenstand zum Tragen
- Hocker auf Rollen oder Wagen zum Schieben, wenn Gehen nur mit Festhalten möglich ist
- Stoppuhr
- Klebeband
- ggf. Spielzeuge zur Motivation/ zum Rollenspiel
Deutschkenntnisse Nicht notwendig, Anleitungen können auch gestisch/nonverbal gegeben werden.
Kurzdarstellung der/des Kerntests GMFM-66
- A: Liegen/Drehen – 4 Items
- B: Sitzen – 15 Items
- C: Krabbeln/Knien – 10 Items
- D: Stehen – 13 Items
- E: Gehen/Rennen/Springen – 24 Items

GMFM-88
- A: Liegen/Drehen – 17 Items
- B: Sitzen – 20 Items
- C: Krabbeln/Knien – 14 Items
- D: Stehen – 13 Items
- E: Gehen/Rennen/Springen – 24 Items
Erfahrungen mit dem Testverfahren Die Gross Motor Function Measure gilt weltweit als eines der wichtigsten und am besten etablierten Instrumente zur Erfassung grobmotorischer Fähigkeiten bei Kindern mit Cerebralparese (CP).
Sie wird in Klinik, Forschung und Rehabilitation international ganz allgemein als Referenzinstrument (Gold Standard) für die Beurteilung von Veränderungen der Grobmotorik (auch ohne das Vorhandensein einer Cerebralparese) angesehen.

Die hohe internationale Akzeptanz beruht auf:
- sehr guter Reliabilität,
- guter Inhalts- und Konstruktvalidität,
- hoher Sensitivität für Veränderungen,
- sehr hohem Standard der Durchführung, Bewertung und Interpretation
- Übersetzungen in zahlreiche Sprachen.

Die GMFM ist Bestandteil zahlreicher Leitlinien zur Versorgung von Kindern mit Cerebralparese.

Die GMFM ist eng mit dem Gross Motor Function Classification System (GMFCS) verknüpft.
- Das GMFCS beschreibt das Niveau der grobmotorischen Funktion (Level I–V).
- Die GMFM misst die tatsächlich gezeigte Leistung und deren Veränderung über die Zeit.

Quellen

Russell, D.J., Wright, M., Rosenbaum, P.L. & Avery, L.M. (2025). Gross Motor Function Measure. Das Handbuch zur GMFM und GMFCS. 3. Auflage. Deutsche Übersetzung unter Federführung von Ulla Michaelis und Uta Tacke. Stuttgart: Kohlhammer.


< zurück zur Übersicht


Layout und Gestaltung: Christian Albrecht, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg

wsd/selbststaendiges_leben/themenfeld/diagnostik_bewegung/gmfm.1781767202.txt.gz · Zuletzt geändert: 2026/06/18 09:20 von Romina Rauner