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wsd:selbststaendiges_leben:theorien:selbstbestimmung

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Selbstbestimmung und Selbstständigkeit

Zitiervorschlag: Gromer, B., Geurds, P. (2025). “Causal Agency-Theorie.” Abgerufen von URL: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:selbststaendiges_leben:theorien:selbstbestimmung

Die „Causal Agency-Theorie“ (Theorie kausaler Handlungsfähigkeit) versucht zu erklären, wie sich Selbstbestimmung entwickelt und wie Menschen selbstbestimmt handeln lernen. Selbstbestimmung wird als entwickelbare Kompetenz verstanden, nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal. Selbstbestimmung als eine wichtige Leitidee der Sonderpädagogik ist unbestritten. Dennoch darf sie, auch wenn sie als fundamentales Merkmal menschlicher Wirklichkeit gilt, nicht absolut gesetzt werden. Das „Verwiesen Sein des Menschen auf den Anderen, d.h. auf soziale Bezüge“ stellt ein weiteres, zweites Grundmerkmal dar (vgl. Weiß 2000, 137).

Selbstbestimmung wird als ein sich über die gesamte Lebenspanne hinweg weiterentwickelnder Prozess verstanden, der immer in einem Spannungsfeld mit Fremdbestimmung und bestehenden Abhängigkeiten steht. Daher bedeutet Selbstbestimmung in der Causal Agency-Theorie nicht, möglichst unabhängig und selbstständig zu handeln oder absolute Kontrolle über den gesamten Prozess zu haben. Selbstbestimmte Menschen im Sinne der Causal Agency-Theorie haben die Möglichkeit eine Vision für die eigene persönliche Zukunft zu entwickeln und können die eigenen Fähigkeiten sowie die Ressourcen ihrer Umwelt nutzen, um Kontexte zu verändern und bestehende Barrieren abzubauen, um die angestrebten Ziele zu erreichen (vgl. Shogren/ Raley 2025, 35ff.)

Zitiervorschlag: Grafik „Causal Agency-Theorie“ von Gromer, B. (2025) in Anlehnung an Shogren & Raley (2025, 38). Abgerufen von URL: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:selbststaendiges_leben:theorien:selbstbestimmung, CC BY-SA 4.0

//1. Psychologische Grundbedürfnisse//

Die der Causal Agency-Theorie zu Grunde gelegten psychologischen Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenz und Soziale Eingebundenheit beziehen sich auf die von RYAN & DECI (2008, 2017) entwickelte Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT).

Autonomie (Autonomy): Beschreibt das Bedürfnis, eigene Entscheidungen treffen zu können und das eigene Handeln als selbstbestimmt zu erleben. Hierzu gehört auch die Annahme von fremdbestimmten Entscheidungen, wenn diese als begründet, nachvollziehbar, angemessen und sinnvoll erlebt werden.

Kompetenz (Competence): Meint das Bedürfnis Herausforderungen zu meistern, die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und sich in diesem Zusammenhang als selbstwirksam zu erleben.

Soziale Eingebundenheit (Relatedness): Umfasst das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Verbundenheit und wertschätzenden Beziehungen zu anderen Menschen sowie die Bedeutung, die man selbst für andere Personen hat. Unter sozialer Eingebundenheit wird daher immer ein wechselseitigen Prozess verstanden.

Diese drei Grundbedürfnisse sind empirisch gesichert und haben kulturübergreifende Gültigkeit. Werden sie erfüllt, steigt die intrinsische bzw. autonome Motivation, das eigene Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft. Bleiben sie dauerhaft unberücksichtigt, kann dies zu Demotivation, Stress oder Passivität führen.

Autonome Motivation kennzeichnet, dass eine Person aus eigenem Antrieb und auf Grundlage persönlicher Ziele, Interessen und Werte handelt: Konkret bedeutet dies:

  • Die Motivation ist intrinisch.
  • Die Person erlebt sich als Verursacher (Agent) ihres Handelns.
  • Entscheidungen, Handlungen und Ziele sind selbstgewählt und werden als bedeutsam für das eigene Leben erachtet.

2. Selbstbestimmtes Handeln

Selbstbestimmtes Handeln ist ein zentrales Element der Causal Agency-Theorie. Es entsteht, wenn Menschen sich als „Verursacher“ (causal agents) ihres eigenen Handelns erleben und sich als aktive Gestalter ihres Lebens erfahren, nicht als passive Empfänger äußerer Umstände. Es werden drei Aspekte selbstbestimmten Handeln unterschieden (vgl. Shogren/ Raley 2025, 45ff./ Wehmeyer 2022, 56f.):

Volitionale Handlung (Decide): Selbstbestimmte Menschen handeln aus eigenem Antrieb und ihre Entscheidungen basieren auf bewussten und persönlichen Vorlieben, Werten, Wünschen und Überzeugungen.

Beispielhafte Fähigkeiten und Fertigkeiten für das willentliche Handeln sind:

  • Fähigkeiten zur Auswahlentscheidung
  • Zielsetzungsfähigkeiten
  • Problemlösungsfähigkeiten
  • Planungsfähigkeiten

Handlungssteuernde Überzeugungen (Believe): Selbstbestimmte Menschen glauben an ihre Fähigkeit, ihre Ziele zu erreichen (Kontrollüberzeugung), an ihre eigenen Fähigkeiten (Fähigkeitsglauben) und daran, dass ihre Handlungen zu den gewünschten Ergebnissen führen (Kausalitätsglauben).

Beispielhafte Fähigkeiten und Fertigkeiten für Handlungssteuernde Überzeugungen sind:

  • Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung
  • Selbstkenntnis
  • Selbstwirksamkeitserwartung

3. Kontext

Die Causal Agency-Theorie betont, dass kausale Handlungsfähigkeit (causal agency) nicht nur von inneren Faktoren wie Motivation oder individuellen Fähigkeiten abhängt, sondern in besonders hohem Maße davon, ob der Kontext Zugänge und Gelegenheiten zur Selbstbestimmung bereitstellt und diese förderlich unterstützt. Der Kontext umfasst die sozialen, kulturellen, institutionellen und physischen Umgebungen, in denen ein Individuum lebt. Diese Bedingungen beeinflussen, ob und wie Menschen als Verursacher ihrer eigenen Handlungen auftreten können, sich als selbstwirksam und als Akteur im eigenen Leben erfahren können.


Literatur

Lamers,W./ Musenberg, O./ Sansour, S. (Hrsg.) (2021). Qualitätsoffensive - Teilhabe von erwachsenen Menschen mit schwerer Behinderung. Grundlagen für die Arbeit in Praxis, Aus- und Weiterbildung. Bielefeld: Athena.

Lindmeier, B./ Lindmeier, C. (2012). Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung. Band 1: Grundlagen. Stuttgart: Kohlhammer.

Lindmeier, B./Meyer, D.(2020). Empowerment, Selbstbestimmung, Teilhabe – Politische Begriffe und ihre Bedeutung für die inklusive politische Bildung. S.38-56 in: Meyer, D./Hilpert, W./Lindmeier, B. (Hrsg.). Grundlagen und Praxis inklusiver politischer Bildung.Bonn

Klauß, T. (2007). Selbstbestimmung als Leitidee der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung. Abgerufen von: https://www.ph-heidelberg.de/fileadmin/user_upload/wp/klauss/Selbstbestimmung.pdf (04.11.2024)

Weingärtner, C. (2013). Schwer geistig behindert und selbstbestimmt. Eine Orientierung für die Praxis. Freiburg im Breisgau: Lambertus.

Weiß, H. (2000). Selbstbestimmung und Empowerment. Kritische Anmerkungen zu ihrer oftmaligen Gleichsetzung im sonderpädagogischen Diskurs. In: Färber, H.P./ Lipps, W./ Seyfarth, T. (Hrsg.). Wege zum selbstbestimmten Leben trotz Behinderung. Tübingen: Attempto, 119–143.


Layout und Gestaltung: Christian Albrecht, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg

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